Nach Massen-Datenklau folgt der Sturm im Wasserglas (3. Update)

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Fast könnte man sich mehr öffentlichkeitswirksamen Massendatenklau/-missbrauch wünschen, denn plötzlich wird hektisch diskutiert und Forderungen der Datenschützer nach strengeren Datenschutzgesetzen sowie Strafen werden laut. Der Datenschutz ist plötzlich nicht mehr "Täterschutz" – die Fälle liefern hingegen genügend Diskussionsstoff und Gründe dafür, den Datenschutz nicht weiter zu belächeln und zu schwächen – das Problem/Risiko von gesammelten sensiblen/persönlichen Daten erreicht so zumindest vorübergehend die breitere Öffentlichkeit. 

In diesem Fall schielt man übrigens auch auf die größten geplanten Datensammlungen, die man sich aktuell vorstellen kann - die Vorratsdatenspeicherung und die Datensammlung im Zuge der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte:

[...] Bedenklich sei, dass "fast alle Daten auf externen Servern gepeichert" würden. Rubehn forderte alle Versicherten auf, ihren Widerstand gegen die Einführung der eGK zu manifestieren: "Wer seine Krankheitsdaten nicht in unsicheren EDV-Netzen gespeichert haben will, sollte sich genau überlegen, ob er seiner Krankenkasse sein Passfoto für die neue eGK zur Verfügung stellen will."  [...]

In der aktuellen c’t 18/2008 ist ein interessanter Hintergrundartikel zum Großprojekt "elektronische Gesundheitskarte" zu finden - mit etlichen amüsanten Stellen. Das kommt noch ganz dicke.

Derweil fordern übrigens ausgerechnet die Justiz- und Sicherheitspolitiker Zypries und Bosbach Verschärfungen im Datenschutzrecht - Faszinierend.

Wenn sich in ein paar Wochen die Wogen geglättet haben, wird sich zeigen, ob und was daraus gelernt wurde.

Update I: Hier ein SpOn-Artikel über den Adresshandel mit Daten der Telekom in Bremerhaven:

[...] Die Quelle sei die Datenbank der Telekom, behauptet K.: "Mitarbeiter der Telekom haben ihm Zugang zu den Datenbanken verschafft. Das hat mir B. selbst gesagt." Mit den Adressen sei Schwung ins Geschäft gekommen, berichtet K. "Dann war der Job relativ leicht." In den Telekom-Datenbanken sind immerhin 30 Millionen Kunden erfasst. Laut K. stellte der Konzern die von dem Callcenter in Bremerhaven geänderten Verträge anstandslos um - obwohl manche Kunden offenbar überhaupt nichts mit der neuen superschnellen Internetverbindung anfangen können. [...]

Die Telekom hingegen sieht sich als eine Art Opfer:

[...] Ein Sprecher der Telekom nennt den Bremerhavener Datenschutz-Missbrauch einen Einzelfall: "Gegen die kriminelle Energie Einzelner haben wir keine Chance." Der Konzern ist um Schadensbegrenzung bemüht und verweist auf seine internen Sicherheitssysteme. [...]

Diese Systeme scheinen ja spitze funktioniert zu haben.

Derweil sprechen Datenschützer davon, dass vor allem zu Marketingzwecken die Daten nahezu aller Bürger im Umlauf wären - zusätzlich 10-20 Millionen Kontodaten, die illegal bei Call-Centern und Handelsplattformen verfügbar wären. Das wundert mich nun nicht.

Update II: Im Netzpolitik-Blog kann man sich einen kommentierten Querschnitt der Reaktionen auf den Datenmissbrauch durchlesen.

Update III: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit einem lesenswerten Blog-Artikel beim Stern.

Jan Beilicke

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